
Im Bündner Bergdorf Lohn lädt ein Baudenkmal zu Ferien ein. Sein Umbau ist eine inspirierende Mischung aus Alt und Neu, vertraut und fremd. Ein kulinarischer Ausflug ins Val Schons.
Text: Axel Simon, Bild: Studio Gataric
Berg und Tal liegen uns zu Füssen. 5 Biohöfe und 70 Menschen gibt es in Lohn. Das Bündner Dorf liegt auf sonnigen 1585 Metern oberhalb der Viamala-Schlucht im Val Schons. Wenn im Unterland der Name Lohn fällt, dann hat das oft mit Rebecca Clopath zu tun, der ebenso jungen wie renommierten Köchin, die nur lokale Zutaten verarbeitet, dabei aber auch mal fermentiert, dehydriert oder schäumt. Sie bringt Traditionelles und Neues zusammen, um damit inspirierende Geschichten zu erzählen – an einem Ort, an dem man so etwas nicht erwartet.


Erlebnis ursprünglichen Wohnens
Für einige Tage wohnen wir dort, in Lohn. Die Tgea (sprich: Sche-a) Simonett ist ein unscheinbares Gebäude am östlichen Dorfeingang. Sie wirkt wie ein Anbau des Nachbarhauses, das als ältestes im Dorf gilt. An einer Ecke kommt hinter dem Bruchstein der Strick zum Vorschein. Manche Balken stammen von 1445, die eine Hälfte mit Stube und hochgewölbter Rauchküche hatte man 1704 erneuert, das flache Backhaus 1939 ergänzt. Öffnet man die eisenbeschlagene Türe und betritt die riesigen, von vielen Fussgenerationen glattgeschliffenen Steinplatten des Flurs, scheint sich seit Jahrhunderten nichts verändert zu haben. Hinten führen die Steinplatten als massive Treppe nach oben, bis zu einer Empore aus dicken dunklen Balken. Über uns: das offene Dach und, unerreichbar weit oben im Luftraum, die Türe der Schlafkammer. Warum die Treppe nicht weitergeht und die Kammertür dort oben hängt? Wir wissen es nicht.
Hundert Jahre stand die Tgea Simonett leer. Fotos in der Stube zeigen den erbärmlichen Zustand in den 1990er-Jahren. 2012 kaufte das Zürcher Architektenpaar Esther Elmiger und Christian Jonasse das Haus. Als Zivi hatte er dieses für die Bündner Denkmalpflege dokumentiert, nun wurde es zum ersten gemeinsamen Bauprojekt. Mehr als zehn Jahre lang, mit viel Eigenleistung und, wenn nötig, mit guten Handwerkern, bauten die beiden, anfangs noch ohne Strom und WC. Ihr Grundsatz, auch aus Kostengründen: Das meiste erhalten und so belassen, wie es ist – die Grundrissstruktur, aber auch historische Oberflächen, wie Steinböden, Holzstrick, Türen, Öfen. Was die Denkmalpflege glücklich macht, irritiert wohl manchen Sterne gewöhnten Gast: Im Winter ist der mittlere Gang mit Treppe eiskalt und die bewohnbaren Räume mit dem Einfeuern von Holzöfen behaglich gehalten. Überraschung: Das Badezimmer hat Fussbodenheizung!

Katalanisches Gewölbe
Vieles ist ursprünglich an diesem Haus: Die Stube, über deren Tür die Zahl 1704 steht und an deren Tisch wir in Schulheften aus der vorletzten Jahrhundertwende schmökern. So versuchte sich ein Christian Simonett eifrig am Aufsatzthema «Das Nastuch». Die Schlafkammer mit der schwebenden Türe erreicht man über die Stube: Eine Leitertreppe aus Holz führt durch die alte Luke über dem riesigen Stubenofen, der die Kammer gleich mit heizt. Andere notwendige Eingriffe zeigen die Lust der Architekt*innen am Experiment: So leuchtet der Lehm-Casein-Boden der Schlafkammer im Erdgeschoss rot, derjenige des Badezimmers gegenüber auch, nur zurückhaltender. Aus dem Tessiner Steinbruch von Arzo brachten sie ein paar Brocken roten Marmor mit, zerkleinerten ihn und machten daraus Terrazzo. Das Haus sei wie ein Tagebuch, sagt Christian Jonasse, als er die Tür zur Küche im Obergeschoss öffnet. Hinter niedrigem Türsturz und hoher Schwelle liegt ein überraschend hoher und heller Raum, überwölbt von etwas, das der Architekt «Katalanisches Gewölbe» nennt. Dem seien sie nicht in Spanien begegnet, sondern über den belgischen Tragwerkprofessor an der ETH.

Die baufällige Decke der ehemaligen Speisekammer durften sie mit Zustimmung der Denkmalpflege abbrechen. Den unzugänglichen Raum darüber schlugen sie der neuen Küche zu. Das neue Gewölbe besteht aus dünnen Ziegelgurten, die sich überlappen und so gegenseitig stützen. Da ein Ende des Raumes breiter ist als das andere, die Gurte aber immer gleich lang sind, ist der Bogen beim Eingang flacher und derjenige über dem Kochbereich höher gewölbt – eine zuerst unmerkliche, dann aber räumlich verblüffende Geste. Der gekalkte Raum erhielt noch ein neues Fenster sowie Herd und Arbeitsplatte aus grünem Speckstein. Auch der Dielenboden ist neu – eine Falltür führt hinunter ins Schlafzimmer mit dem roten Boden.

Den Hof, auf dem Rebecca Clopath kocht, sehen wir durch unser Küchenfenster. Ihre fünfstündigen Tafelrunden nennt sie «Esswahrnehmung». Unsere Tage in der Tgea Simonett sind eine Wohnwahrnehmung. Wir sind umgeben von Geschichten jenseits unseres Zürcher Alltags, von selbstbewussten Experimenten mit lokalen und fremden, alten und neuen Zutaten.
Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Hochparterre, dem Verlag für Architektur, Planung und Design. Der Aufenthalt im Hochhaus Fellergut ermöglichte die Stiftung Ferien im Baudenkmal sowie der Besitzer der Wohnung. Der Inhalt des Beitrags liegt in der Verantwortung der Hochparterre-Redaktion.



