Winter im Maggiatal - Stiftung Ferien im Baudenkmal

Winter im Maggiatal

Das Tessin ist ein Sommerkanton. Doch um etwas über seine Geschichte zu erfahren, lohnt sich, ihn im Winter zu bereisen.

Text: Claudia Moll, Bild: Studio Gataric

Kalt und dunkel – für eine Städterin, die an Zentralheizung und Strassenbeleuchtung gewöhnt ist, war die erste Nacht im Baudenkmal in Moghegno eine Herausforderung. Die dicken Mauern des Steinhauses hatten seit dem Sommer ihre Wärme verloren und empfingen ihre neuen Gäste zunächst mit kühler Zurückhaltung. Erst nachdem die zwei Öfen mit dem reichlich vorhandenen Holz befeuert waren, stellte sich im Lauf des nächsten Tages eine angenehme Wärme ein.

Die Grundmauern der Ca‘ di Bifúi gehen auf das Mittelalter zurück.

Das kleine Dorf ist seit 2004 Teil der Gemeinde Maggia. Die turmartige Ca’ di Bifúi steht mitten in seinem historischen Kern und ist ein baukulturelles Kleinod, dessen Entstehungsspuren bis heute erkennbar sind: Errichtet auf mittelalterlichen Fundamenten, entstand der steinerne Bau im ausgehenden 18. Jahrhundert als Wohn- und Lagerhaus. Die mächtigen Granitplatten, aus denen sich der Boden im Erdgeschoss fügt, zeugen noch heute davon. Die Bauernfamilien, die das Haus bewohnten, erweiterten es im Laufe der Jahrzehnte auf die heutigen drei Stockwerke. Dies erklärt die aussenliegenden Steintreppen und Galerien, die zur Erschliessung dienten. Erst mit dem Umbau zum Ferienhaus kam die innenliegende Treppe hinzu – wärmetechnisch eine wichtige Neuerung!

Das Buch der Region

Im obersten Geschoss ist heute die gemütliche Stube eingerichtet, in deren Bücherregal natürlich auch der 1970 erschienene Roman ‹Nicht Anfang und nicht Ende› steht. Darin erzählt Plinio Martini eindrucksvoll die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts angesiedelte Geschichte von Gori, dem Sohn einer nur an Kindern reichen Familie aus dem Maggiatal. Das Leben der Bauern – wahrscheinlich in einem Haus wie die Ca’ di Bifúi – war hart, Unglücke gehörten zur Tagesordnung: Erdrutsche, Lawinen oder Hochwasser zerstörten Häuser und rissen Tiere und Menschen mit sich. Hinzu kamen Grippe, Lungenentzündung oder die galoppierende Schwindsucht, die sich Kinder und Erwachsene holten. Kaum volljährig suchte Gori wie viele seinesgleichen sein Glück in der Fremde. Gemeinsam mit seinem Bruder schiffte er sich 1927 in Richtung Amerika ein und begann dort ein neues Leben als Hilfsarbeiter auf einer Ranch in Kalifornien. Obwohl das Leben in der Heimat beschwerlich und ohne Perspektive war, vermisste er es, sobald er das Tal verliess. Ihm fehlten die Berge, die Wälder und das klare Wasser der Maggia, die unbeschwerten Monate auf der Alp im Sommer und das enge, von kirchlichen Ritualen geprägte Dorfleben im Winter. Getrieben von Heimweh kehrte er nach rund 20 Jahren zurück – und fühlt sich nun auch in der Heimat fremd. Die Industrialisierung hat das Tal verändert und ein rastloses Leben mit sich gebracht.

Der Raum, dessen Wände und Decke mit Pech und Russ bedeckt sind, diente vermutlich als Räucherkammer.
Die gemütliche Stube.

Goris Geschichte, die stellvertretend für viele Familien im Tessin steht, hallt auf den Streifzügen durch das Tal nach. Die Steinmäuerchen, die die steilen Hänge terrassieren schätzen wir heute als wertvolles Kulturerbe, das es zu bewahren gilt. Gebaut wurden sie – das erfahren wir wiederum von Martini – von den Ärmsten der Armen. Als Lohn für die mühsame Arbeit durften sie die bei den Grabungen gefundenen Wurzeln behalten – Farnkraut- und Rapunzelwurzeln ergänzten den kargen Speiseplan und reichten gerade aus «um das endlose Frühjahr lang den Hungertod abzuhalten», so der Chronist.

Steinplatten und Buchen

Mit den eindrücklichen Bildern im Kopf, geht es durch die erhabene Landschaft. Entlang der zwischenzeitlich begradigten Maggia, durch Kastanienwälder und steil zwischen riesigen Steinplatten hindurch bis nach Ponte Brolla, wo die im Wasser stehenden Felsen auch ohne Sprung ins Nass beeindrucken. Kirchen und Kapellen säumen den Wegesrand. Aussen mit Heiligenbildern verziert, innen reich geschmückt erinnern sie uns daran, wie stark der Glaube im Tal verankert war. Oder man wandert am Morgen der Sonne entgegen nach Lodano. Die uralten Buchen, die die Hänge oberhalb des kleinen Dorfes bedecken, gehören seit 2021 zum UNESCO Weltnaturerbe. Das Waldreservat zieht sich weit in das Seitental hinein und ist eine Entdeckungstour wert.

Das Schlafzimmer mit eigens hergestellten Möbeln.

Auf dem Rückweg wächst die Freude auf das Haus im verwinkelten Dorfkern. Das Feuer lodert, während sich die Dunkelheit über das Steindach legt. Die alten Mauern erzählen Geschichten von vergangenen Zeiten, von den Menschen, die hier lebten, und von ihren Freuden und Nöten. 


Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Hochparterre, dem Verlag für Architektur, Planung und Design. Der Aufenthalt in der C’a di Bifúi ermöglichte die Stiftung Ferien im Baudenkmal. Der Inhalt des Beitrags liegt in der Verantwortung der Hochparterre-Redaktion.